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Ira

Ira's Blog

My favourite books and the books I write. And the daily life.

Die Bücher, die ich lese. Die Bücher, die aus meiner eigenen Feder stammen. Das tägliche Leben.

Stimmungsbilder

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Düster in "Schwalben" ...

 

 „Sie kommen jetzt mit!“, befahl der Oberarzt und umklammerte Fees Arm so fest, dass es sie schmerzte.

Vor dem Haus herrschte ein Durcheinander an Schwestern, Sanitätern, Ärzten und grauen Waffenröcken. Motoren von Lastwägen summten, Pferde scharrten unruhig auf dem Kies, Motorräder knatterten und Befehle übertönten einander. Sprühregen hüllte die konfuse Szenerie ein.

 Fee wandte sich um. Sie warf einen Blick auf die Esten zurück, auch auf den buckligen Stallknecht. Widerwillig ließ sie sich von ihrem Vorgesetzten zu dem grauen Lastwagen mit dem Roten Kreuz zerren. Sie trug zivile Kleidung, einen Rock und eine Bluse, darüber eine dunkelrote Strickjacke. Nein, sie hatte mit den Esten hierbleiben wollen.

 Über dem See stiegen schwarze Wolken auf. Brennende Geschütze oder Panzerfahrzeuge. Plötzlich kam lautes, aufgeregtes Geschrei aus der Richtung des Seeufers. Wagenräder rumpelten über Steine, Pferdehufe fegten im Galopp über den Kies. Die anderen Pferde tänzelten aufgebracht auf den Hinterhufen, wieherten, und die Soldaten hielten sie mit aller Kraft am Zaumzeug fest.

Fee erkannte Kalju, der plötzlich erschien. Er riss an den Zügeln und brachte sein Pferd zum Stehen. Hinter ihm rumpelte eine Lafette ohne Geschütz und blieb stehen. Er wischte sich über die Augen. Dabei verschmierte er die Spuren von Schlamm und Ruß. Der Morast klebte an seinen Stiefeln und an seiner Hose, wie auch an den Hufen und Flanken seines Pferdes.

„Komm, Fee!“, rief er ihr zu und streckte ihr die Hand entgegen.

Sie spürte, dass sich der feste Griff des Oberarztes löste und sie schritt Kalju entgegen. Auf der Veranda raunten sich der Bucklige und die beiden zurückgebliebenen Offiziere etwas zu. Fee warf ihren Koffer zu den Munitionskisten auf der Lafette. Kalju stieg für sie ab, um ihr in den Sattel zu helfen. Als er wieder aufgestiegen war, führte er das Pferd zwischen die Deutschen und seine ihm verbliebenen Drei.

„Ich komme vom entsetzlichsten Ort, den ich jemals gesehen habe“, rief er auf Estnisch. „Seht her, das ist alles, was von meinem Regiment übriggeblieben ist. Wenn man uns veraltete Haubitzen gibt und mit Pferden gegen die Russen reiten lässt, uns damit in die erste Reihe schickt – Nein, wir kämpfen weiter! Nicht auf dem offenen Feld, sondern aus dem Wald heraus!“

Einer der deutschen Offiziere eilte mit großen Schritten auf Kalju zu. Er stemmte die Hände in die Seiten und sah zu ihm auf.

„Was redest du da, du Esten-Tölpel?“, schrie er ihn an. „Sprich Deutsch! Kehr sofort mit deinen Leuten zurück und kämpfe gegen den Feind!“

Kalju spuckte zu den Stiefeln des Deutschen aus und warf abfällig den Kopf zur Seite.

„Kämpf doch du, Saks!“, entgegnete er. „Ab in die erste Reihe mit euch! Verteidigt doch euer Reich, los!“

„Lassen Sie ihn!“, rief ein anderer Wehrmachtsoffizier aus der offenen Tür des Kübels. „Und steigen Sie ein.“

Missmutig wandte er sich von Kalju ab und stieg ein. Mit einem Schlag warf er die Türe zu. Der Motor sprang an. Kalju wandte sich zu den Esten auf der Veranda um und forderte sie auf: „Was ist mit euch? Kommt ihr mit?“

Sie zögerten nicht. Auch der Bucklige lief hinterher.

„Für ein freies Estland, Hauptmann!“, rief er und zwängte sich mit auf die Lafette.

Kalju nickte, nahm die Zügel in die Hand, mit der er Fee sicher umfasste und hob die Rechte.

„Los!“, befahl er.

Er gab seinem Pferd die Hacken und ritt an den Deutschen vorbei. Die Hufe setzten sich über die Pfützen in der Straße hinweg, die Räder holperten darüber. Und irgendwo beugten sich schützend die dichten Äste der Fichten und Föhren, das Blätterdach der Birken und Eichen über die Straße. Sie gabelte in den Wald, und er kannte die Wälder, wie er das Meer kannte.

 

 

 

(Schwalben, 2013; 2014)

 

... Herzschmerz in "Cold Britannia"

 

Über der Gartenmauer breitete sich eine weitere Hochsommernacht aus. James saß am Kopfende gelehnt und streichelte Hesters Schultern, während ihr Kopf auf seiner Brust lag.

         Die Anspannung seiner Gliedmaßen bedeutete, dass er sie bald verließ. Sie wusste es. Schweigend nahm sie seine Berührungen wahr, und doch nicht wirklich auf. Sie dachte an Caitlin. Ihr Körper verstrickte sich im Kampf des Verstands.

         James hörte auf, Hesters Schultern zu streicheln. Er sah sie an. Was konnte er ändern? Langsam stand er auf und zog sich an. Sie richtete sich auf und rang gegen ihre Traurigkeit. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wandte sich ab, dass er ihr nicht einmal in der Dunkelheit ihres Zimmers ansah, wie sie sich fühlte. Sie schnürte den Gürtel ihres Morgenmantels enger.

         „Ich geh nicht gern“, sagte er und rang mit sich selbst. „Ich weiß, me Love … Ich hatte gedacht, der Streik wäre bis zum Sommer vorbei, und darum habe ich den Urlaub mit Caitlin und den Kindern gebucht. Du wirst mir zwei Wochen lang den Rücken frei halten, weil ich mich auf dich verlassen kann. Du hast das Zeug zu einer Anführerin, weißt du das? Dir könnte ich den Ortsverband Sherthorpe in die Hände legen.“

         Er schmeichelte ihr, und verabreichte ihr dabei etwas Bitteres. Hester folgte ihm die Treppen hinunter. Sie verstrickte sich immer mehr und kämpfte erbitterter.

         „Du fährst noch mit ihr in den Urlaub?“, entgegnete sie und versuchte, leise zu sprechen.

         Er schlüpfte in seine Schuhe.

         „Ich habe gesagt, dass ich schon vor Monaten gebucht habe“, erklärte er. „Wie konnte ich damals ahnen, dass wir jemals zusammen sein werden? Beruhig dich. Es ist nur den Kindern zuliebe. Mit Caitlin ist schon lange nichts mehr.“

         Hester ertrug es nicht länger. Je mehr sie gegen ihre Tränen ankämpfte, umso heftiger schüttelte sie sich. James war ratlos. Sie so zu erleben, überforderte ihn. Er streckte die Hand nach ihr aus, doch sie wich zurück.

         „Ich will keine Geliebte sein“, sagte sie.

         Lieber gar nichts.

         „Dafür habe ich nicht meinen Kopf für dich hingehalten“, legte sie nach.

Seine Hand lag auf der Türklinke. Er schwieg, zog die Tür auf und stand auf der Schwelle.

         „Jim“, rief sie ihn leise, und er drehte sich nach ihr um. „Ich weiß aber, dass ich für dich bestimmt bin.“

 

Do I stand in your way, or am I the best thing you have? Der Luftballon schrumpfte zusammen und hing in einer Ecke von Hesters Zimmer fest.

         No promises, no demands. Both of us knowing: Love is a battlefield.  

 

 

 

(Cold Britannia, 2014;2015)

 

 

 

... großes Kino in "Das deutsche Spiel" ...

 

 

Arne erwiderte Gesas Berührung. „Ich weiß, was du mir sagen willst.“

„Nicht wahr?“, entgegnete sie. „Du kehrst zu ihnen zurück, zu den Genossen an der Basis. Zeig dich in deiner besten Form.“

„Ich bin darauf vorbereitet. So, wie es die Situation erfordert.“

Sie nahm dieses Grinsen auf seinen Lippen wahr. So weiß, so groß, so blendend – wie der Schnee. Seine Augen wurden schmal, als sie den Block der Messehalle ausmachten. Es schien ihr, als leuchtete das Rot der Parteifahnen umso greller, je eisiger und abweisender der Himmel wirkte.

Der A8 hielt vor der Halle. Sie erwarteten ihn mit ihren Kameras und Mikrofonen, mit ihren neugierigen, kalten Augen.

Arne klappte die Deckel der Mappe zu, ließ die Rede darin verschwinden. Bevor er ausstieg, reichte er sie Gesa.

Der Stoff der Fahnen säuselte im Wind. So wie sie spürte er diesen scharfen Wind in seinem Gesicht. Schneestaub zu seinen Füßen. Arne winkte den Journalisten und setzte für sie ein anderes Lächeln auf.

Sie sollen nicht behaupten, er könne nicht mit Frauen, dachte Gesa. Er öffnete ihr die Hintertür und half ihr beim Aussteigen. Sie fühlte den schneidenden Wind sofort, da sie nur das dunkelblaue Kostüm trug. Den Mantel brauchte sie für die wenigen Schritte nicht. Allerdings spürte sie den Schneestaub und die Kälte an ihren Füßen. Mit der einen Hand drückte Gesa die Mappe an sich, die andere legte sie in seine Armbeuge. Ihr Lächeln für die Kameras erwärmte wohl auch unterkühlte Herzen in diesem unterkühlten Land. Sie spielte mit der Rolle der neuen Mutter dieses Landes.

Die Kamerablitze folgten ihnen ins Plenum des Parteitags. Die Scheinwerfer ließen das Podium leuchten wie die Morgenröte. Gesa reichte ihm die Rede. Gerhard begrüßte Arne und Gesa. Jetzt bedeutete ihr Lächeln Distanz.

„Komm mit“, sagte Gerhard zu ihr.

Du, wie unter Genossen üblich. Sie strich ihrem Mann ermutigend über die Wange. Dann blieb sie stehen und beobachtete, wie sich Reihen von Delegierten für Arne erhoben. Er ging zum Podium. Der Applaus raste wie ein Sturm. Vera und Mathias klatschten mit. Beide schienen mehr als zufrieden. Julian saß mit dem Laptop auf dem Schoß neben Arnes Mitarbeiter. Sie warteten wohl auf die ersten Bilder, die sie auf die Facebook-Seite stellen würden.

Gesa setzte sich auf einen der Gästeplätze in der ersten Reihe und verstaute die Handtasche unter dem Stuhl. Sie befand sich in der Gesellschaft zweier ehemaliger Kanzler, des Alten und des Niedersachsen. Der Alte umfasste Arnes Hände und der Niedersachse drückte ihn. Erneut brach das Blitzlichtgewitter los. Funkelnd und irritierend. Gerhard verzog den Mund zu einem Lächeln. Er erduldet das Tosen eines Beifalls, der nicht ihm gilt.

Nun betrat Arne zusammen mit Gerhard das Podium. Stehende Ovationen des gesamten Vorstands. Gesa entging nichts von dem, was sich dort oben abspielte. Arne holte Luft. Sie liebten ihn doch. Gerhard applaudierte ihm und lachte zufrieden.

        „Nach mir bist du dran“, sagte Gerhard zu Arne. Gesa las die Worte von seinen Lippen ab.

Während der Rede des Vorsitzenden stiegen die Erwartungen. Gesa spürte das und presste die Handflächen aneinander. Ihr Blick flog zu Arne. Er fing ihn auf. Ihr Mund deutete an: Ich bin bei dir.

Der Beifall für den Vorsitzenden endete. Ein Name wurde angekündigt: Arne Steenborg, der Kanzlerkandidat. Er stand auf.

Es geht los, dachte Gesa.

Wieder Applaus, lauter und länger. Er brandete auf wie eine Welle. Arne wartete, bis sich diese Welle überschlug und auslief. Dann nahm er sein Manuskript und ging zum Pult.

„Es gibt eine Sehnsucht in unserer Gesellschaft.“ Seine Stimme packte diese Sehnsüchte warm ein. Über das Podium reichte er den Delegierten die Hand. Gesa wusste, warum er das tat und was er dachte: Versöhnt euch mit mir. Nehmt mich beim Wort. Nehmt mich und lasst mich nie wieder allein.

 

 

 

 

 

 

 

(Das deutsche Spiel, 2017)

 

 

 

Leser, Blogger und Kollegen fragen mich immer wieder, wie es mir gelingt, durch genannte Beispiele Stimmungen  heraufzubeschwören. Diese seien das Besondere in meinen Romanen. Richtig, sie leben von bunten Farben, fröhlichen Bildern, haben aber auch einen Hang zum Beklemmenden und Düsteren.

 

Wie aus dem Lehrbuch lässt sich die Frage nicht beantworten und eine Anleitung "wie erschaffe ich die richtige Atmosphäre in einer Szene" gibt es auch nicht nach Schema F. Ich habe auch kein Geheimrezept, außer: Geht hinaus, öffnet eure Sinne und nehmt auf, was euch die Welt anbietet. Dann versucht, die Bilder, die vor euch beim Schreiben aufploppen, in Worte zu fassen.

 

Vielleicht lässt sich mein Hang, aus Kleinigkeiten oder vermeintlich Nebensächlichkeiten eine große Kulisse zu schaffen, damit erklären, dass ich immer sehr sensibel war. Sensibel in dem Sinn, dass ich Geräusche, Gerüche, Farben, Menschen und Ereignisse intensiver aufnehme als die meisten Leute. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, spielte die meiste Zeit draußen; Flussauen, Seen, Wiesen und Wälder gehörten zum Alltag dazu genauso wie die Kühe, die abends von der Weide über die Dorfstraße getrieben wurden. Das waren meine Blockbuster.

Später kam ich viel in der Welt herum, Städte, Länder, Gegenden hielten besondere Schätze bereit. Auch in Geschichtsbüchern und den Fernsehnachrichten stieß ich auf Anregungen für meine Themen.

Ich hatte immer eine sehr starke Vorstellungskraft, nicht immer zur Freude meiner Eltern und Lehrer. Auch mit vermeintlichen Gegebenheiten fand und finde ich mich niemals ab, ich befasste mich mit Themen, die an den meisten vorbeigingen. Manchmal ist es inspirierender, weit unter der Oberfläche zu kratzen. So musste es wohl sein, dass ich zum Schreiben als meine Art des Ausdrucks kam.

 

Neugierde und der Antrieb, stets das Beste geben zu wollen, sind eine Grundvoraussetzung für lebendige Geschichten und ihre Protagonisten. Es ist keine Zauberei, wenn eine Bindung zu den Figuren besteht, oder eine/einer zum Liebling wird, und ich sie/ihn in eine sehr lebendige Umgebung einbinde. Die Inspiration aus der Natur und selbst aus Alltäglichem, vermeintlich Belanglosen schafft wunderbare Bühnenbilder, Kulissen, vor denen sie agieren. Traut euch, versucht in Worte zu fassen, was euch berührt und bewegt und hört nie auf, eure Welten zu schaffen.